Corona – der digitale Stresstest, den niemand wollte aber brauchte. - von Christian Marquart

Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus bieten Chancen für Unternehmen und Gesellschaft. Denn Risiken und Chancen liegen eng beisammen.

Wir leben in einer volatilen, unsicheren, komplexen und mehrdeutigen = ambiguity oder kurz: VUCA-Welt Wie 2017 von Exner und Exner in ihrem Artikel: Unternehmen brauchen agile Beratung, beschrieben. Geprägt von diesen Kräften und konfrontiert mit dynamischen Umwelten, müssen Organisationen neue Fähigkeiten und Steuerungsmuster entwickeln, um ihre weitere Existenz sicherzustellen.

Gerade in Zeiten wie wir sie jetzt erleben, bestätigt sich das erlebte VUCA-Weltbild in seiner vollen Blüte. Und gerade jetzt ist ein guter Moment, über die Fähigkeiten und digitalen Kompetenzen der Organisation zu reflektieren (vgl. Exner & Exner, 2017).

Wohin führt uns COVID-19?

Vor allem unsicher und komplex – diese Begriffe treffen derzeit wohl am besten die aktuelle Situation. Wohin wird uns der COVID-19 noch führen, welche Opfer werden gebracht werden müssen, bzw. wie wird sich die aktuelle Gesundheitskrise, und wenn wir es so nennen wollen, der vorübergehende Ausnahmezustand - weiter gestalten? Die Antwort ist so einfach wie erschreckend: Wir wissen es schlicht und ergreifend nicht!

Diejenigen, die behaupten es zu wissen, können auch nur von Prognosen und Annahmen sprechen – so „einfach“ ist das. Alles was wir haben, ist das Hier und Jetzt. Wir lernen „by doing“.

Die Erfahrungen können im Jetzt und Hier Nutzen bringen, was wir zukünftig erfahren, können und sollten wir in unserem organisationalen Gedächtnis nachhaltig verankern. Der Stresstest zwingt uns nun, unsere Kommunikation zu digitalisieren, die Zusammenarbeit in die Ferne umzustellen und mehr als je zuvor, Beziehungen zu unseren Stakeholdern zu pflegen.

Digitalisierung – Hand aufs Herz: Wie kompetent sind wir wirklich?

Im Zusammenspiel mit der zunehmenden Digitalisierung wird nun Staat, Gesellschaft und Organisationen auf die Probe gestellt. Wie hoch ist unsere digitale Medienkompetenz denn nun tatsächlich ausgeprägt und entwickelt? Wie reif sind österreichische Unternehmen in der Realität? Dies und vieles mehr, werden wir Hautnah in Erfahrung bringen.

Neue Chancen eröffnen sich – sie müssen nur ergriffen werden!

Die gute Nachricht ist, dass spätestens jetzt eine sehr gute Möglichkeit entstanden ist, doch noch auf den digitalen Kommunikations-Zug aufzuspringen und im Eiltempo an den eigenen digitalen Fertigkeiten zu arbeiten.

In zahlreichen Firmen wird nun zum „Home-Office“ bzw. zum zu Hause bleiben geraten. Dies erfordert mehr Kommunikation, sowohl auf analoger aber auch digitaler Ebene. Von den Führungsetagen müssen ad hoc zum Teil neue Wege im Umgang mit den Angestellten beschritten werden, die weitverbreitet zwar „angedacht“ aber bei Weitem noch nicht realisiert wurden. Die Frage, die sich in den Vordergrund schiebt lautet: Was können & sollen wir dabei tun, bzw. was gilt es zu berücksichtigen?

1. Bauen Sie auf vertrauensvolle Beziehungen! (vgl. Franken 2016)

In der Unsicherheit und vor allem Mehrdeutigkeit (Ambiguität) der Aussagen, ist guter Vertrauensaufbau zu Ihren MItarbeiterInnen und Mitmenschen nun besonders wichtig. Vertrauensvolle Beziehungen beugen Panik und Hysterie vor. Bleiben Sie mit Ihren wesentlichen „Stakeholdern“ in Kontakt – und erhöhen, falls möglich und nötig die Frequenz. Wenn die zufällige Begegnung bei der Kaffeemaschine ausfällt, nutzen Sie bewusst die Chance für gezielte Verabredungen via Skype, Facebook, Telefon etc. zur persönlicheren Kommunikation.

2. Achtsamkeit verbessern, Emotionen Raum geben und mutig sein! (vgl. Franken 2016)

Bei der Kommunikation auf Distanz (wie E-Mail, Telefon, Chat) spielen Beziehungssignale eine größere Rolle. Fragen Sie deswegen gezielt und bewusst nach dem Befinden Ihres Gegenübers. Sie können sich auf Mimik und Körperhaltung nicht mehr verlassen. Gerade in diesen Zeiten ist eine hohe Empathie-Fähigkeit gefragt. Unsicherheit, Angst, Unbehagen etc. spielen in den Alltag rein. In erster Linie schafft man bereits durch die Ansprache der Emotion Klarheit und Beruhigung. Emotionen dürfen vorhanden sein. Sprechen Sie über die Ängste, und arbeiten Sie gemeinsam an Lösungen. Herausfordernde Zeiten brauchen kreative Lösungen und eine extra Portion Mut.

3. Reflektieren und sensibel kommunizieren (vgl. Franken 2016)

Die Wahl des Mediums ist bereits ein erster Schritt der Kommunikation. Wählen Sie Ihr Kommunikationsmittel behutsam und seien Sie sich dessen Wirkung im Klaren. Ebenso ist Zweideutigkeit, Ironie und Hohn in der digitalen Kommunikation oft ein Garant für Missverständnisse. Bleiben Sie klar verständlich J und seien Sie sich des geschriebenen Wortes bewusst.

4. Pflegen Sie eine vorbildhafte Meeting-Kultur

Die virtuelle Zusammenarbeit bedeutet, dass das zufällige Zusammentreffen bei morgendlichen Kaffee-Holen oder Mittagessen flachfällt. Umso wichtiger sind nun strukturierte Kommunikationsformen. Denken Sie z.B. an morgendliche virtuelle Stand-Ups / Nachmittägliche virtuelle Kaffee-Pausen. Bzw. vereinbaren Sie Kommunikationsfenster, in der Sie für Informations-Abgleich zur Verfügung stehen. Achten Sie in Ihren virtuellen Meetings auf eine sehr gute Struktur in der Vor- und Nachbereitung. Sehr gute Dokumentation und klare Vereinbarungen sind vor allem in virtuellen Teams ein Erfolgsfaktor zur reibungslosen Zusammenarbeit.

5. Mut zum Fehler und Fehlen

Die agile Organisation kennzeichnet eine tolerante Fehlerkultur. Fehler sind wichtige Informationsträger um Lernen sicherzustellen. Wer Angst vor Fehlern hat, wird stets mehr vom selben produzieren. Die digitale Welt hält eine Vielzahl an Fehlerquellen bereit. Keiner ist so gravierend, dass er nicht korrigiert werden könnte. Oft hindert uns die Angst vor den Fehlern, davor neue Wege zu bestreiten. Die Einladung ist klar: die Angst vor Fehlern zu nehmen, und gemeinsam aus ihnen zu lernen. Ebenso erfordert das Fernbleiben der Arbeit eine gehörige Portion Mut und (Selbst-)Vertrauen. Vor allem Vertrauen in neue Technologien und die Fähigkeit der KollegInnen. Haben Sie Mut und Vertrauen und lassen Sie sich von sich und von anderen überraschen. Herausfordernde Zeiten in denen gegenseitiges Ver- sowie Zutrauen herrscht, lassen einen und Andere über sich selbst hinauswachsen!

6. Schlagen Sie dem Zufall ein Schnippchen (Heitger & Serfass, 2010)

Sie wollten immer schon den Schritt in die digitale Welt setzen? Nun – erachten Sie diese Krise (ja ich habe bewusst Krise geschrieben) als Chance und Möglichkeit. Es ist DER Anlassfall. Integrieren Sie diesen äußeren Einfluss in Ihren Management-Plan. So erhalten Sie wieder die Oberhand der nicht einflussbaren Gegebenheiten. Corona 2019? Yes! Darauf haben wir für eine digitale und agile Arbeitswelt nur gewartet. Wachsen Sie mit der Herausforderung und führen Sie mit klaren Verstand Ihre Organisation, Team, sich selbst wieder zur gewohnten Stärke. Ein stabiles soziales Netzwerk, proaktive Feedback-Möglichkeiten, Analysestärke, Empathie- und Anpassungsfähigkeit sind jetzt wesentliche Bausteine zu Ihrer eigenen persönlichen Resilienz.

Herausfordernde Zeiten erfordern Super-Kräfte.

Eine weitere gute Nachricht dabei ist: Wir sitzen alle im selben Boot. Es ist nicht die Zeit in Panik zu verfallen, dafür bleibt noch Zeit, wenn alles wieder ist, wie es niemals war.

Autor: Christian Marquart (Stadt Wien Kompetenz Teams „New Work, New Business“, FH des BFI Wien ist Lektor, Unternehmensberater und Coach.

Über das Kompetenzzentrum New Work New Business der FH des BFI Wien

Das Kompetenzteam widmet sich den wachsenden Herausforderungen wie Digitalisierung, Globalisierung und dem demografischen wie institutionellen Wandel, mit einem interdisziplinären Ansatz. Im Rahmen der Lehre werden in vernetzten Lernumgebungen fachbezogene und metafachliche Kompetenzen vermittelt. Erkenntnisse aus der Forschung

des Kompetenzteams fließen direkt ein. Dies ermöglicht eine zukunftsgerichtete Ausbildung, die den Anforderungen der sich dynamisch ändernden Berufsfelder gerecht wird.

Das Kompetenzzentrum wird von der Stadt Wien MA 23 gefördert.

Literatur:

Exner A. & Exner H. (2017). Unternehmen brauchen agile Beratung. Zeitschrift für Unternehmensentwicklung Nr. 1, S. 70 - 77

Franken, S. (2016): Führen in der Arbeitswelt der Zukunft – Instrumente, Techniken und Best-Practice-Beispiele. Wiesbaden: Springer Gabler

Heitger B. & Serfass A. (2010): Dem Zufall ein Schnippchen schlagen – durch Resilienz Unerwartetes meistern. Revue für postheroisches Management, Heft 6, S. 20 - 27

Perkin N. & Abraham P. (2017): Building the agile business through digital transformation. New York: Kogan Page